Musikweltreise: Australien

An jedem zweiten Freitag entführe ich euch in ein fremdes Land – und durchforste die dortige Musikwelt nach Liedern und Künstlern, die meinen Musikgeschmack treffen. Da sich mein Geschmack von Singer-Songwritern, über Folk und Rock bis hin zu Metal erstreckt, bin ich optimistisch, während meiner Musikweltreise auf viel Abwechslung zu stoßen und vor allem: viel neues zu entdecken. Eine Übersicht, über die bisher besuchten Länder und entdeckten Künstler findet ihr HIER. Der heutige Reisebericht führt nach:

Australien

„Europa, Asien, Afrika, Australien und Amerika.“ Vorerst halte ich mich an den Text der Ärzte, obwohl Australien auf meiner Reisewunschliste nicht mehr so weit oben steht, wie es früher der Fall war. Wenn ich diese weite Reise antrete, würde sie mich mittlerweile bevorzugt nach Neuseeland verschlagen. Aus musikalischer Sicht ziehe ich, nach den zuletzt aufwändigeren Ausflügen, das Heimatland der erfolgreichsten Hard-Rock Band der Welt vor. Betrachtet Australien als eine kurze Verschnaufpause, einmal Luft holen, ehe ich meine Reise in weniger laut besiedelten Regionen fortsetze.

Die Wahrscheinlichkeit, dass selbst diejenigen unter euch, die mit Rockmusik gar nichts zu tun haben, irgendwann mal etwas von AC/DC hörten, schätze ich als sehr hoch ein. So einfach kann ich es mir also nicht machen. Von Nick Cave habt ihr sicher ebenfalls schon gehört und von Kylie Minogue habe ich bereits mehr gehört, als mir lieb ist. Mein Plan, Australien zu nutzen, um kurz durchzuatmen, drohte zu scheitern, denn egal was ich während meiner Reise zu hören bekam, der Funke wollte einfach nicht überspringen. Entweder gefiel mir die Musik nicht, oder die Künstler waren mir zu bekannt. Metalcore ist nicht mein Ding, die Hard-Rock Bands klingen alle nach AC/DC und der australische Heavy Metal konnte mich nicht überzeugen. Das war irgendwie typisch für mich. Ich wollte es mir einfach machen und ein paar interessante Künstler aus der australischen Vielfalt herauspicken – Ergebnis: Ich wühlte mich lange tief durch die Musiklandschaft, ohne fündig zu werden.

Aufgeben zählt nicht. Die musikalische Reise durch Australien ans Ende meiner Liste setzen, so wie mit der realen Reise geschehen? Nein, kommt nicht infrage. Irgendetwas muss es doch geben. Vielleicht gibt es eine rettende Folk-Rock Band, einen Künstler, der traditionelle Instrumente der Aborigines mit Rockmusik verbindet?

Yothu Yindi


Peter Maffay Fans wird dieses Lied womöglich bekannt vorkommen, er arbeitete nämlich mal mit Yothu Yindi zusammen („Begegnungen“). Mir sind sie zuvor nie begegnet (ich bin auch kein Peter Maffay Fan). Sie sind also meine erste Neuentdeckung. Und nicht nur irgendeine, denn sie haben meinen Geschmack zu 100% getroffen – das kann ich wohl so sagen, wenn es einer Band gelingt, R.E.M.-Feeling aufkommen zu lassen. Dank Peter Maffay konnte ich meiner aktuellen Spotify-Playlist zumindest das Lied „Tribal Voice“ hinzufügen.

Die Vertreibung und der Umgang mit den Ureinwohnern Australiens bietet natürlich eine Menge Stoff, der auf musikalische Weise verarbeitet werden kann. Die Mischung aus „sozialem Protest“ und „populärer Musik“ brachte der nächsten Band im Jahr 1982 Auszeichnungen für das beste Album und die beste Single ein. Gefunden habe ich sie allerdings nur, weil Solid Rock mit einem Didgeridoo eingeleitet wird:

Goanna


Zu Beginn erwähnte ich, dass es für mich nicht in Betracht kam, aufzugeben. Nun muss ich zugeben, an einem Punkt trotzdem unmittelbar davor gestanden zu haben: Auf meiner Suche nach Metal, die mich fast zur Verzweiflung brachte. Es musste doch guten Metal in Australien geben. Die Auswahl innerhalb des Genres ist riesig, aber vieles traf einfach nicht meinen Geschmack. Metal ist eben nicht gleich Metal. Bis ich diese Gruppe entdeckte:

Claim the Throne


Das klingt zwar nicht typisch australisch, aber immerhin begegnete mir auf meiner Reise endlich eine australische Metal-Band, die mir gefällt. Da ich nicht erwartet hatte, dass es so kompliziert wird, ist allein dies bereits eine Erwähnung dieser Band wert.

Als ich gar nicht mehr damit rechnete, oder mit anderen Worten: Als ich bereits mit dem Beitrag der nächsten Reisestation beschäftigt war und meine Australien-Reise für abgeschlossen hielt, stieß ich zufällig auf eine australische Metal-Formation, der es wirklich gelang, mich zu begeistern:

Barbariön


Heavy-Metal, kombiniert mit einer Prise Humor, der sich nicht nur in den Videos zeigt, sondern sich komplett durch das Schaffen dieser Band zieht. Witzig, dass ich sie erst entdeckte, als ich bereits mit der Musik eines anderen Landes beschäftigt war.

Um eure Ohren nach zwei Metal-Songs wieder zu beruhigen, greife ich abschließend in die Singer-Songwriter Trickkiste. Darin machte ich in Australien nämlich ebenfalls eine hörenswerte Entdeckung, die ich euch nicht vorenthalten möchte:

Sahara Beck


Damit endet der abwechslungsreiche Ausflug in die australische Musiklandschaft, der mir trotz der ernüchternden Erkenntnis, nur sehr wenige meinem Geschmack entsprechende Metal-Bands zu finden, einige Neuentdeckungen bescherte, die ich zukünftig im Ohr behalten werde.

Bis zum nächsten Mal!

 

Musikweltreise: Sambia

An jedem zweiten Freitag entführe ich euch in ein fremdes Land – und durchforste die dortige Musikwelt nach Liedern und Künstlern, die meinen Musikgeschmack treffen. Da sich mein Geschmack von Singer-Songwritern, über Folk und Rock bis hin zu Metal erstreckt, bin ich optimistisch, während meiner Musikweltreise auf viel Abwechslung zu stoßen und vor allem: viel neues zu entdecken. Eine Übersicht, über die bisher besuchten Länder und entdeckten Künstler findet ihr HIER. Der heutige Reisebericht führt nach:

Sambia

Zuletzt war ich in Kasachstan und entdeckte dort zwei Bands, die mir wirklich sehr gut gefallen. Nun setze ich den Schwierigkeitsgrad besonders hoch an und reise ins südost-afrikanische Sambia. Dieses Land steht übrigens auf meiner Wunschliste realer Reiseziele (dank einer Künstlerin, die ihr im Verlaufe dieses Beitrags kennenlernt). Kaum zu glauben, dass ein Fan Skandinaviens eine Reise nach Sambia in Betracht zieht, oder? Die Welt ist einfach viel zu groß. Sie besteht nicht nur aus Skandinavien, sondern bietet vieles mehr, das sich zu entdecken lohnt. Fremde Kulturen; Natur, die man nur aus dem Fernsehen kennt; Regionen, die nicht vom Tourismus überflutet sind. Bis auf, vermutlich, die Victoriafälle. Aber die dürften, ungeachtet dessen, eine Reise wert sein.

Musikalisch wird es in Sambia erwartungsgemäß schwierig. Nicht, dass es in Sambia keine Musik gibt. Ganz im Gegenteil, es scheint in diesem Land ein sehr aktives Musikleben zu existieren. Allerdings dominieren hier Stile, zu denen ich kein besonders freundschaftliches Verhältnis pflege. Also unter anderem Hip-Hop und das, was den Großteil des durchschnittlichen, heimischen, Radioprogramms ausmacht – computerverzerrter Gesang zu Discobeat, wodurch ein Song dem anderen gleicht und man gar nicht mehr weiß, ob man unterschiedliche oder immer nur das selbe Lied hört.

Genug gejammert. Ich bin ja nicht nach Sambia gereist, um mich darüber zu beklagen, dass die Menschen dort offensichtlich ganz normalen Musikgeschmack haben und in etwa das hören, was zuhause auch gehört wird. Nein, ich wollte hier neues entdecken – etwas, das mir nach Möglichkeit sogar gefällt.

Mumba Yachi & Wezi – Umung’o


Mumba Yachi und Wezi haben es geschafft, mein Interesse zu wecken. Mit richtigem Gesang und dem Einsatz von Instrumenten, anstatt sich voll und ganz auf die computergenerierten Töne zu verlassen. Das Lied „Umungo“ hatte mich eigentlich schon mit dem zweiminütigen Intro überzeugt, ehe mit den restlichen fünf Minuten eine sambische Form des Singer-Songwriter-Genres folgt.

Wezi – Nyimbo Zako


Wezi hatten wir vorhin bereits gemeinsam mit Mumba Yachi gehört. Auch sie macht sonst alleine Musik und hat dabei ein Lied veröffentlicht, das ich gar nicht so schlecht finde. Zwar können mich ihre übrigen Werke nicht so recht überzeugen – da gefällt mir das, was Mumba Yachi solo macht, besser – aber man kann ja nicht alles haben. Zumindest beweisen beide Künstler, dass Sambia eine vielfältigere Musiklandschaft bietet, als es auf dem ersten Blick scheint.

Scarlet – Nikakuona


Aha – damit kommen wir der Sache schon näher. Von den drei bisher genannten Liedern dürfte dieses mein Lieblingslied sein. Endlich kommt eine richtige Band zum Einsatz, der Gesang gefällt mir sehr gut und insgesamt erhält der bislang doch etwas ruhigere Beitrag damit ein bisschen mehr Schwung.

Bis zum Schluss hatte ich gehofft, vielleicht sogar im Bereich des Metals fündig zu werden. In Sambia gab es zwar mal eine Zeit, in der viele (Psychedelic-) Rockbands aktiv waren, aber die liegt inzwischen eine ganze Weile zurück. Der sogenannte Zamrock war eine Erscheinung der 70er-Jahre. Danach ist er offensichtlich ausgestorben und scheint bis heute nicht mehr zu neuem Leben erweckt worden zu sein. Naja, einen neueren Künstler fand ich tatsächlich. Aber das einzige Lied, das von „Villa Noche“ im Internet zu existieren scheint, entspricht nicht ganz meinem Geschmack. Der Vollständigkeit halber sei der Titel „The Savior“ dennoch erwähnt. Die ganz mutigen unter euch, oder die Anhänger der etwas härteren Spielrichtungen des Metals (mit ganz besonderem „Gesang“), können gerne hier klicken.

Es gibt aber eine sambische Künstlerin, die zumindest gerne Rockmusik hört und dem ein oder anderen bekannteren Rocksong (und auch Popsong) ein neues, instrumentales Gewand verleiht.

Caitlin De Ville – Numb (Linkin Park Cover)


Sie ist die eingangs erwähnte Künstlerin, der Sambia den Platz auf meiner Reisewunschliste zu verdanken hat. Dieses Lied gehörte zu den ersten Stücken, die ich vor ein paar Jahren von ihr entdeckte und mit denen sie mein Musikherz für sich gewinnen konnte. Großartig, was sie mit ihrer elektrischen Violine anstellt. Sie coverte Lieder von Nightwish, Muse, Ellie Goulding und Turisas (gibt es hier zu hören) und präsentierte schwebend eine Version der Fluch der Karibik Titelmusik (hier).

Irgendwann begann sie, auch eigene Lieder zu veröffentlichen. Wie zum Beispiel dieses:

Caitlin De Ville – Hyena


Das ist zwar eigentlich weit von dem entfernt, was ich üblicherweise höre, aber ihre Musik gefällt mir außerordentlich gut und hat ihren Platz in meiner Sammlung definitiv sicher. Einige von euch erinnern sich jetzt bestimmt an die Musik von Lindsey Stirling, die ich übrigens erst nach Caitlin De Ville entdeckte und mit der ich mich nie so richtig anfreunden konnte. Man könnte denken, Caitlin De Ville eifere einem international erfolgreichen Vorbild nach – doch beide Künstlerinnen scheinen sich parallel und unabhängig voneinander entwickelt zu haben. Nur dass eine der beiden (bereits) den großen Durchbruch schaffte. Die steigenden Hörerzahlen deuten zumindest darauf hin, dass auch Caitlin De Ville langsam aber sicher einen höheren Bekanntheitsgrad erreicht. Es sei ihr gegönnt.

Damit endet mein Aufenthalt in Sambia, der mir zwar keinen festen Neuzugang in meiner virtuellen Musiksammlung bescheren konnte, da ich Frau De Ville bereits kannte, dafür aber interessante Einblicke in die landestypische Musik gewährte.

Bis zum nächsten Mal!

[Buch-Date #3] – Mein Date mit Wili und Neil Young

Endlich ist es soweit: Der Stichtag für die Bekanntgabe der Ergebnisse des Buch-Dates ist erreicht (Hier geht es zum Sammelbeitrag der Rezensionen). Drei Bücher wurden mir von Wili empfohlen, mit einem beschäftigte ich mich in den vergangenen Wochen intensiver. Wir verbrachten einige Abende miteinander und nutzten die Zeit für ein ausgiebiges Kennenlernen. Ob der Funke übergesprungen ist, erfahrt ihr allerdings erst etwas später im Text. Vorher möchte ich noch auf die Empfehlungen eingehen, die Wili für mich herausgesucht hatte:

  1. Navid Kermani – Das Buch der von Neil Young Getöteten
  2. Gehard Polt, Herlinde Koelbl: Gerhard Polt und auch sonst: Im Gespräch mit Herlinde Koelbl
  3. Lukas Erler: Ölspur

Eine schwierige Entscheidung, die es zu treffen galt. Und ihr wisst ja inzwischen, wie sehr ich Entscheidungen mag. Aber die Regeln sind eindeutig: Wähle ein Buch. Als Liebhaber der Rockmusik, lachte mich natürlich sofort Neil Young an, auch wenn ich ihn gar nicht so gut kenne. Eines seiner Alben hat es aber immerhin mal in meine Sammlung geschafft. Gerhart Polt war mir ebenfalls ein Begriff, schließlich arbeitete er einige Male mit einer meiner Lieblingsbands zusammen, den Toten Hosen. Zur dritten Empfehlung konnte ich keinen musikalischen Bezug herstellen, dennoch hatte dieser Wirtschaftsthriller einen gewissen Reiz, zählt er doch zu einem meiner bevorzugten Genres.

Momentan versuche ich jedoch mein Vorhaben umzusetzen, meinen Horizont zu erweitern und bevorzugt „Genres“ zu lesen, die es bislang nicht oder nur in sehr geringer Anzahl in mein Bücherregal schafften. Lukas Erlers Ölspur wanderte zwar auf meine Wunschliste, fiel als Dating-Partner aber aus Gründen der Horizonterweiterung raus. Blieben zwei Kandidaten übrig. Das Gespräch zwischen Gerhart Polt und Herlinde Koerbl konnte mich letztendlich nicht überzeugen, da ich mir unsicher war, ob ich etwas mit einem Interview-Buch anfangen kann. Die Wahl fiel daher auf Navid Kermani und sein Buch der von Neil Young getöteten.


Navid Kermani – Das Buch der von Neil Young getöteten

Bald nach ihrer Geburt wird die Tochter eines jungen Paars von furchtbaren Bauchkrämpfen geplagt, Tag für Tag jene Stunden grausamer Qual – Drei-Monats-Kolik nennen es die Freunde und Verwandten verharmlosend, das Geburtssouvenir eines zynischen Gottes, schimpft der Vater und ballt die Faust gen Himmel. Nach vier durchwachten Nächten rettet Neil Young das Gottvertrauen der Familie. Schon mit den ersten Gitarrenklängen beruhigt sich das Kind. Erstaunlich aber: der betörende Effekt stellt sich nur und ausschließlich bei der Musik Neil Youngs ein. Für Vater und Tochter beginnt eine Reise durch den Kosmos des kanadischen Kultmusikers hin zu verlorenen und wiedergefundenen Paradiesen und zur Möglichkeit ekstatischen Erlebens im Alltag.

Quelle: http://www.navidkermani.de/view.php?nid=35


Der Date-Bericht

Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, Zugang zu diesem Buch zu erlangen. Das Grundgerüst des Buches gefällt mir gut. Der Gedanke, welch beruhigende Wirkung Musik auf ein kolikgeplagtes Kind haben kann, war interessant. Die gemeinsame Reise von Vater und Tochter stellte ich mir allerdings anders vor. Ich kann gar nicht genau sagen, wie ich sie mir vorstellte, doch als die ersten Lieder und ihre Interpretationen auftauchten, wich mein Interesse einer gewissen Ernüchterung und ich hatte über viele Seiten hinweg das große Fragezeichen über meinem Kopf. Vielleicht lag es daran, dass ich von Neil Young, bis auf seinen Namen, kaum etwas kenne. Im Grunde ist er nur einer der Künstler, von denen ich irgendwann etwas hörte, das mir gefiel und das seitdem in meinem CD-Regal verstaubt. Die im Buch genannten Lieder sagten mir nichts. Dadurch konnten die wirklich detailreichen und liebevollen Beschreibungen des Gesangs, der instrumentalen Begleitung und des Zusammenspiels zwischen Text, Gesang und Musik, nicht ihre volle Wirkung entfalten.

Der Funke wollte nicht überspringen, obwohl Navid Kermani eigentlich alles richtig macht. Er reiht nicht bloß ein paar Zeilen beliebiger Songtexte aneinander, sondern zerlegt sie in ihre Einzelteile, betrachtet die winzigen Details, kombiniert sie mit der Stimmlage Neil Youngs und dem beinahe hörbar beschriebenen Klängen der Instrumente, sowie der Entwicklung, dem Auf und Ab, über die gesamte Dauer des Liedes. Daraus ergeben sich seine Interpretationen, die er auf intelligente und humorvolle Weise nachvollziehbar beschreibt, ohne sie als „die richtige“ Interpretation auszulegen, sondern stets als seine persönliche. Dadurch gewährt er zum Teil tiefe Einblicke in seine Persönlichkeit und Gefühlswelt. Der rote Faden, der sich gemäß seiner Interpretationen durch das Schaffen Neil Youngs zieht, scheint sich auch durch sein eigenes Leben zu ziehen. Die Musik Neil Youngs könnte womöglich als eine Art Soundtrack bezeichnet werden: Der Soundtrack seines Lebens.

Obwohl mir der Schreibstil gut gefiel, das Lesen nach zähem Beginn durchaus Spaß bereitete und ich letztendlich sogar die Botschaft verstand (oder zu verstehen glaubte), ließ mich das Buch mit gemischten Gefühlen zurück, mit dem Verdacht, etwas verpasst zu haben, dass in diesem Buch noch etwas steckt, das ich einfach nicht erkannt habe. Vielleicht hätte ich tatsächlich mehr über Neil Young wissen, mehr von seiner Musik kennen müssen. Um nicht nur zu verstehen, worum es dem Autor geht, sondern um es zu spüren und mich bis zum letzten Wort mitreißen zu lassen, anstatt diesem fragend entgegenzustolpern.

Vielen Dank für diese Date-Empfehlung, Wili. Es hat Spaß gemacht und ich wage anzukündigen, beim nächsten Mal wieder dabei zu sein!

Veränderung in zwölf Schritten [1]

Ohne lange zu zögern verkündete ich, an Zeilenendes neuem Projekt teilzunehmen und ein Motiv ein Jahr lang mit meiner Kamera zu begleiten. An jedem letzten Sonntag eines Monats werde ich hier ein Bild des ausgewählten Motivs präsentieren und die Veränderungen beobachten, die in der Zwischenzeit erfolgt sind.

Damit es nicht zu einfach wird, fotografiere ich das Motiv erst an dem Tag, an dem der Beitrag online geht. Meine Urlaubsplanung muss daher sicherstellen, dass ich an jedem letzten Sonntag eines Monats zuhause bin, denn mein Motiv ist leider etwas unbeweglich…

Um es mir noch schwieriger zu machen, riskierte ich, bevor ich diesen Beitrag schrieb, einen Blick in die bereits veröffentlichten Beiträge anderer Teilnehmer und nahm dabei zur Kenntnis, dass meine beiden exotischen Ideen „Baum“ und „Fensterblick“ bereits bedient wurden. Ich überlegte kurz, ob ich mich umentscheiden und mein CD-Regal fotografieren sollte, doch da ich inzwischen immer weniger CDs kaufe, würde sich die Veränderung wahrscheinlich nur auf eine wachsende Staubschicht beschränken (nicht mal das, denn hin und wieder wische ich dann doch mal den Staub weg…).

Ich blieb also dabei. Baum und Fensterblick lassen sich ja auch irgendwie kombinieren. Also teste ich einfach mal die hochgelobte Kamera meines neuen Smartphones und schaue, was der Blick aus dem Küchenfenster zu bieten hat:

cof

Zwöf Monate #1

Zuerst sehen wir die dicken grauen Regenwolken. Vielleicht hätte ich noch ein Thermometer ins Bild halten sollen, damit ihr mir glaubt, dass es gerade, Überraschung, bei 7°C regnet. Hahaha. Das werde ich wohl niemals los.

Links im Bild seht ihr den Protagonisten, einen umgestürzten Apfelbaum, der sich von seiner misslichen Lage bislang nicht beeindrucken ließ und weiterhin genießbare Früchte produzierte. Ob es in diesem Jahr wieder der Fall ist, wird sich zeigen. Auch, ob das restliche Grünzeug drumherum noch etwas mehr Farbe ins Bild bringt. Und ob das Wetter an irgendeinem letzten Sonntag einen etwas weniger trüben Ausblick ermöglicht.

Zurück in die Zukunft

Eigentlich bin ich kein Freund von Zeitreisen. Ich bin mit meinem Aufenthalt in der Gegenwart überwiegend zufrieden. Ob ich die Zukunft sehen möchte, bezweifle ich, angesichts dessen, was die Menschheit derzeit so treibt. Außerdem würde der rasante technische Fortschritt nur dazu führen, dass ich von zukünftigen Zeiten sowieso kaum etwas verstehe. Reisen in die Vergangenheit halte ich ebenfalls nicht für sonderlich reizvoll, war die Vergangenheit doch geprägt von Zeiten, die weit weniger friedlich waren, als es die jetzige ist. Eine Reise in die Vergangenheit würde zudem einen Verzicht auf all die luxuriösen Vorzüge des gegenwärtigen Lebens bedeuten.

Trotzdem gibt es Momente und Zeiten, die den Wunsch aufkommen lassen, zu ihnen reisen und sie selbst erleben zu können – oder wenigstens einmal kurz hineinzuschauen. Um eine dieser Zeiten geht es in einem Lied, das sich vor zwei Monaten in meinem Gehörgang festsetzte und seitdem nicht mehr dort heraus will. Zeit, die Einladung anzunehmen:

Ich nehm‘ dich mit – in diese geile Zeit
Schließ‘ deine Augen
Ich nehm‘ dich mit – in diese geile Zeit
Der DeLorean steht bereit

Betontod – Ich nehme dich mit

„Wir sind angekommen“, stellte der Fahrer zufrieden fest. Vorsichtig öffnete ich meine Augen. Der DeLorean rollte in eine freie Parklücke auf einem großen, sich füllenden Parkplatz. Es war bereits dunkel, Schneeregen erschwerte die Sicht. Im Lichtschimmer einer wenige Meter entfernten Laterne erkannte ich ein Plakat. Gelbe Schrift auf schwarzem Grund: „…Back in Black…“ Darunter dick und fett und rot: „AC/DC.“ Ich stieg aus, rieb mir verwundert die Augen und näherte mich dem Plakat, ohne zu wissen, wo ich überhaupt war. „Special Guest: Whitesnake.“ „Whitesnake?“, fragte ich entsetzt, „diese jammernden Radio-Balladen-Rocker als Vorband von AC/DC?“ Im Augenwinkel nahm ich die Menschen wahr, die sich in Richtung eines im Scheinwerferlicht strahlenden, schmetterlingsförmigen Gebäudes bewegten. Sie sahen sehr ungewohnt aus. Wie aus einer anderen… „Hey, aus welcher Zeit kommst du denn?“, hörte ich jemanden rufen, der anschließend einen kräftigen Schluck aus einer Bierdose trank, mir viel Spaß beim Konzert wünschte und lachend weiter lief. Ich stand noch immer vor dem Plakat. 4. Dezember ’80. Essen. Grugahalle. „Nein. Unmöglich“, murmelte ich.

„Du scheinst ihre ‚klassischen Jahre‘ nicht zu kennen, was?“, hörte ich den Fahrer fragen, als er sich neben mich stellte. „Nein, ich habe mich nie näher mit Whitesnake auseinandergesetzt“, antwortete ich, „meine Mutter ist zu verdächtig begeistert von ihnen.“ „Von Whitesnake oder David Coverdale?“, fragte er und fügte hinzu: „Bis jetzt waren sie gar nicht so übel. Ihre großen Erfolge kommen erst noch. Achso, wir sind übrigens im Jahr 1980. Heute ist der vierte Dezember.“ Unschlüssig trat ich einen Schritt zurück und sah mich um, soweit es die Sichtverhältnisse zuließen. Das Wetter war exakt so, wie… ja, wie eigentlich. Wie zuhause? Wie in der Zukunft? Wie in der Realität? Ich hatte die Orientierung verloren, wusste weder wo ich war, noch wann. Die Autos auf dem Parkplatz und die Menschen deuteten zumindest darauf hin, dass es eines sicher nicht war: 2017.

„Naja, wenn du Whitesnake so schlimm findest, können wir gerne ein weiteres Jahr zurückreisen. Bei der vorherigen Tour waren Judas Priest als Vorband dabei“, schlug er vor. Ich wusste es zwar bereits, da mein Onkel mir oft davon erzählte, wie er sie als Jugendlicher auf diese Weise kennenlernte, doch die Vorstellung, die Metal Götter als Support Act zu sehen, erschien mir noch unwirklicher, als die Situation es sowieso schon war. „Nein, Priest sind Headliner. Das Jahr 1980 ist schon ok. ’79 hätte ich zwar noch Bon Scott erleben dürfen, aber es ist sicherlich auch genial, bei einem der ersten Auftritte mit Brian Johnson dabei zu sein.“ Während ich diese Worte aussprach, wunderte ich mich selbst über sie, denn ihr Klang erweckte den Eindruck, diese Situation sei völlig normal. Ich begann tatsächlich, mich mit ihr anzufreunden und die Geschehnisse zu realisieren. Mein Puls stieg rasant an, erhielt ich doch die Chance auf ein unvergessliches Erlebnis, die Möglichkeit, ein einmaliges musikalisches Highlight mitzuerleben.

Eine niedergeschlagen wirkende Gruppe entfernte sich von der Halle und lief dem Strom entgegen. „Habt ihr Karten übrig? Hat irgendjemand Karten zu verkaufen?“, riefen sie nahezu flehend in die Menge. „Verdammt!“, fluchte mein mysteriöser Begleiter, „Der Gig ist ausverkauft. Wir kommen gar nicht rein. Wie konnte ich das vergessen!“ Mir wurde kalt. Die Ernüchterung ließ die gewaltige Aufregung, die erst unmittelbar zuvor aufkam, wieder verfliegen und mich den eisigen Schneeregen spüren, der auf uns herab fiel. Er schlug vor, einen Abstecher zum Vorverkaufsstart zu machen und zwei Tickets zu organisieren. Ich lehnte ab. Die Begeisterung war weg, das Feuer war erloschen.

„Wie wäre es mit dem 11. März ’85?“, fragte er schließlich. „Was war denn da?“, entgegnete ich enttäuscht. „Der Kinostart des ersten Terminator-Films!“, rief er begeistert. „Nein, danke!“ Zwar liebe ich die ersten beiden Teile, aber ich kenne sie eben schon. Was hätte mich daran begeistern sollen, den ersten Teil bei der Premiere im Kino zu sehen, wenn ich ihn inzwischen sogar als restaurierte Fassung auf einem riesigen HD-Fernseher sah? Doch er gab nicht auf: „Ein letztes Angebot. 8. Juli 1990?“ WM-Finale, eine interessante Idee. Allerdings war schon der Titel von 2014, trotz meiner Freude darüber, kein Ereignis, das mich überwältigen konnte. Wie sollte dies einem Spiel gelingen, bei dem Fußballer auf dem Rasen stehen, von denen ich die meisten nur als alte WM-Helden in Erinnerung habe, die ihren Zenit zum Zeitpunkt ihres Karriereendes längst überschritten hatten und überwiegend abseits des Platzes auf sich aufmerksam machten?

Erneut musste ich ihn abweisen: „Tut mir leid, aber lass‘ uns zurückkehren. Ich glaube dir, ohne jeden Zweifel, dass es ‚geile Zeiten‘ waren, aber mir fehlt der Bezug zu ihnen. Ich habe sie nicht erlebt, kann nicht nachempfinden, wie sie für jemanden waren, für den sie die Gegenwart darstellten. Musik, Filme, Sport, Technik – was auch immer es ist, ich kenne alles, was bis 2017 folgt. Für mich ist es nicht neu, nichts besonderes, nichts außergewöhnliches. Nicht das, was es für jemanden war, der es eben als genau dies erlebte, auf den diese Zeit ihre Wirkung voll und unverfälscht entfalten konnte. Die Reise war gut gemeint, aber ich gehöre in meine Zeit. Dort kann ich mir wieder meine Kopfhörer aufsetzen und davon träumen, wie gerne ich den einen oder anderen vergangenen Moment erlebt hätte. Belassen wir es bei den Träumen.“

„Wie du meinst“, sagte er mit einem zustimmenden Kopfnicken und deutete auf den DeLorean. Wir setzten uns hinein, ließen den Fluxkompensator seine Arbeit verrichten und plötzlich saß ich wieder allein auf meinem Sofa, mit Kopfhörern auf, die „Ain’t No Love in the Heart of the City“ in meinen Gehörgang beförderten. Eine Live-Aufnahme von Whitesnake, veröffentlicht im Jahr 1980. Wie auch immer dieses Lied in meiner Playlist gelandet ist.


Ein Beitrag im Rahmen Tante Tex‘ Story Samstags.

Musikweltreise: Kasachstan

An jedem zweiten Freitag entführe ich euch in ein fremdes Land – und durchforste die dortige Musikwelt nach Liedern und Künstlern, die meinen Musikgeschmack treffen. Da sich mein Geschmack von Singer-Songwritern, über Folk und Rock bis hin zu Metal erstreckt, bin ich optimistisch, während meiner Musikweltreise auf viel Abwechslung zu stoßen und vor allem: viel neues zu entdecken. Eine Übersicht, über die bisher besuchten Länder und entdeckten Künstler findet ihr HIER. Der heutige Reisebericht führt nach:

Kasachstan

Zum Auftakt der Reise war ich in Finnland unterwegs. Zugegeben, die Wahrscheinlichkeit, dort fündig zu werden, war enorm hoch – zumal ich zwei Künstler nannte, die sich bereits in meiner Sammlung tummelten. Diesmal schraube ich den Schwierigkeitsgrad etwas höher und reise nach Zentralasien, denn Kasachstan ist nun wirklich nicht für die Exporte international erfolgreicher Musikstars bekannt, geschweige denn für Künstler aus dem Rock oder Metal Genre.

Schnell wird deutlich, dass es in der kasachischen Musik eine Reihe an Instrumenten gibt, von denen ich bisher nie etwas hörte – weder ihren Namen, noch ihren Klang. Vielleicht wurde das eine oder andere dieser Instrumente mal im Musikunterricht erwähnt, aber dieser liegt inzwischen 12 Jahre zurück. Kobyz, Zhetigen, Sherter, Dombra – viel sagten mir diese Bezeichnungen nicht. Zumindest aber die ebenfalls gern eingesetzte Maultrommel war mir bereits bekannt, schließlich wurde sie auch von Bands wie The Who und Den Ärzten eingesetzt.

Die Kombination dieser Instrumente führt zu einem sehr interessanten, exotisch angehauchten Klangbild. Wie zum Beispiel in diesem kasachischen Folk-Song:

Hassak – Amanaat


Es klingt im kasachisch unerfahrenen Ohr erstmal etwas ungewöhnlich, zugleich aber trotzdem harmonisch. An das mangelnde Sprachverständnis bin ich durch die finnische Musik bereits gewöhnt, dennoch wollte das Eis in diesem Fall nicht brechen und richtige Begeisterung kam, trotz der angenehmen Melodien, nicht auf. Vielleicht war es mir diesmal einfach zu ruhig. Ein entspannter Folk-Song ist zwar immer gerne gehört, aber im Regelfall darf es durchaus etwas flotter zur Sache gehen.

Ob es sowas in Kasachstan gibt? Folk-Rock oder gar Folk-Metal? Hören wir einfach mal rein, was diese Band so treibt:

Ulytau – Teriskakpai


Man nehme das Grundgerüst der Rockmusik: Schlagzeug, E-Gitarre, E-Bass. Ergänze diese mit Violine und Keyboard, was in Folk-Rock/Metal Kreisen nicht unüblich ist und zusätzlich mit einer traditionellen Dombra, deren Klang dem rein instrumentalen Folk-Metal von Ulytau das gewisse Etwas verleiht. Mit einer solchen Entdeckung hatte ich nicht gerechnet. Die Musik dieser Band gefällt mir wirklich gut und – yeah! – eines ihrer Alben ist bei Spotify verfügbar.

Lässt sich diese Entdeckung noch übertreffen oder sollte ich meine Koffer packen und zufrieden abreisen? Moment – mir ist da noch etwas begegnet, das vielleicht die Chance verdient hat, gehört zu werden.

Aldaspan – Aldaspan


Kurz durchatmen und abwarten, bis sich die nicht jugendfreien Ausdrücke meiner Begeisterung aus meinen Gedanken verflüchtigt haben. Wenn mich Ulytau schon begeistern konnten – wie sollte ich es nennen, was dieser Band gelingt? Sie ergänzen die typische Rockmusik nicht bloß mit traditionellen kasachischen Instrumenten – sie spielen sie einfach mit diesen. Ich konnte es kaum glauben, aber neben dem Schlagzeug und der Intro-Maultrommel, kommen nur drei Dombras zum Einsatz. Genial, welchen Sound diese Band aus den zweisaitigen Instrumenten zaubert.

Der Ausflug nach Kasachstan hat sich definitiv gelohnt. Meine Musiksammlung konnte auf außergewöhnliche Weise erweitert und um Abwechslung bereichert werden. In zwei Wochen berichte ich von meinem nächsten Reiseziel – bis dahin höre ich noch ein paar Mal Aldaspan.

Ein Vorstadt-Politiker im Liebster-Kaffee-Rausch

Gerade erst brachte ich die Feierlichkeiten anlässlich der Versatile Blogger Award Verleihung hinter mich, da steht bereits die nächste Preisverleihung vor der Tür. Vielen Dank dafür an Impressions of Life, die mich auf ihre Liste der Nominierungen für den Liebster Award setzte.

Beim letzten Mal drehte sich in meinem Liebster-Beitrag alles um Reisen. Dieses Mal könnte es etwas persönlicher werden – und vielseitiger. Denn die zehn Fragen (waren es nicht immer elf?) beziehen sich auf unterschiedliche Themen. Passend zur ersten Frage, befülle ich eine große Tasse mit frisch aufgebrühtem Kaffee (das empfehle ich euch auf Grund der Länge des Beitrags ebenfalls) und mache es mir an meinem Schreibtisch bequem (ein Vorgang, der sich bis zur Fertigstellung des Beitrags einige Male wiederholen sollte).


#1 – Wir treffen uns in einem Cafe, wie erkenne ich Dich?

Das ist einfach, ein Café ist nämlich der ideale Ort für ein erstes Treffen. Erst recht, wenn ich vor dir dort eintreffe und ich die Wartezeit sinnvoll überbrücken muss: Zum Beispiel mit der Bestellung und dem Genuss der unterschiedlichen Kaffeesorten des Hauses, von denen ich jeweils eine gefüllte Kanne an meinen Platz ordere. Wenn du das Café betrittst, musst du nur Ausschau nach dem Tisch halten, der mit Kaffeekannen gefüllt ist und an dem jemand sitzt, der kurz vorm koffeininduzierten Herzinfarkt steht.

Sollte ich das Verlangen nach meinem Lieblingsgetränk unter Kontrolle halten können, wirst du mich trotzdem schnell erkennen. Denn wie viele gerade noch unter dreißig Jahre alten Männer, die an einem ruhigen Platz mit Blick zur Tür sitzen, mit einer Tasse Kaffee auf dem Tisch und nicht auf ein Smartphone starrend, wirst du beim Betreten des Lokals erblicken? Genau. Einen. Mich.


#2 – Großstadtmensch und eher Landmensch? Wo finde ich Dich?

Spontan platzte ein überzeugtes „Landmensch“ aus mir heraus. Gefolgt von der Erkenntnis, dass das gar nicht stimmt. Ich brauche einerseits die Nähe zur Natur, andererseits ist der schnelle Zugang zu Städten (und dem Internet) ein Vorteil, den ich nicht missen möchte. Einigen wir uns auf Kleinstadtmensch. Nicht mittendrin, aber nah dran. Nicht völlig einsam, aber ruhig gelegen. So wie es jetzt ist, wenige Kilometer von Hamburg entfernt, im „grünen Umland“. Glücklicherweise kommt das typische Großstadt-Gefühl in Hamburg nicht auf, sodass ich dort regelmäßig auch aus nicht beruflichen Anlässen anzutreffen bin.


#3 – Warum bloggst du? Wer weiß von deinem Blog?

Ursprünglich war es nur ein „mal schauen, ob den Blödsinn überhaupt irgendein Mensch (oder wenigstens ein Robot) wahrnimmt“. Die Vergänglichkeit führte mich her, meine persönliche Detabuisierung eines Themas, das jeden betrifft, über das aber niemand gerne spricht – oder schreibt. Damals war es kein richtiges Bloggen –  das folgte erst später, nachdem ich auf andere Blogs stieß, begann, diesen aktiv zu folgen, das Interesse an meinem Anfangsthema verlor und stattdessen ein viel breiteres Themenfeld für mich entdeckte und neu startete. Heute blogge ich, weil mir das Schreiben Spaß macht, weil mir der Austausch mit anderen Bloggern und die Teilnahme an gemeinsamen Aktionen gefällt und weil es so viele hervorragende Beiträge gibt, die ich einfach gerne lese. Außerdem wirkt das Schreiben (und Lesen) regelmäßig inspirierend und regt die Gedanken an.

Von meinem Blog wissen, soweit ich es weiß, keine Menschen, die mich offline kennen. Sollte irgendwann jemand aus meinem analogen Leben auf meinen Blog stoßen, wäre dies aber kein großes Problem, da ich nichts schreibe, das ich im realen Leben nicht vertreten würde (ist ein Blog gar nicht real?). Bis auf ein paar irritierte Fragen oder vereinzelte Ausrufe des Entsetzens, habe ich keine negativen Auswirkungen zu erwarten. Trotzdem würde ich diesen Status gerne so lange wie möglich bewahren. Es ist ja auch reizvoll, etwas zu tun, von dem niemand weiß, dass man es tut (na gut, ihr wisst es).


#4 – In wie weit geht deine Hilfsbereitschaft außerhalb deiner Familie?

Hilfsbereitschaft ist für mich, im gesunden Maße, eine der Grundlagen des sozialen Miteinanders. Ganz gleich, ob innerhalb der Familie, in Freundschaften, am Arbeitsplatz oder allgemein in der Gesellschaft. In der Regel ist sie nicht mal eine bewusste Entscheidung, sondern ein Automatismus, der durch soziale Verpflichtungen in Gang gesetzt wird. Das klingt jetzt nicht sehr altruistisch, aber da ich Schwierigkeiten damit habe, an uneingeschränkte Selbstlosigkeit zu glauben, betrachte ich Hilfsbereitschaft als etwas, das auf einer gewissen Gegenseitigkeit beruht. Nicht in der rein egoistischen Form, die stets das eigene Wohl in den Vordergrund rückt, sondern auf eine Weise, die die Hilfsbereitschaft als Notwendigkeit für das Ganze sieht. Helfe ich einem Freund bei seinem Umzug, mache ich dies nicht, weil ich gerne Möbel ins Dachgeschoss trage oder ich mich selbstlos seinem Wohl opfere, sondern weil ich meine Hilfe als selbstverständlichen Bestandteil einer Freundschaft betrachte, die weit über Umzugshilfen hinaus reicht. Wenn ich einer gestürzten Person aufhelfe, oder einen Menschen unterstütze, der mit seinem Rollator an einem Bordstein festhängt, ist diese Handlung, nüchtern betrachtet, ebenfalls nicht das Ergebnis meiner Nächstenliebe, sondern lediglich ein winziger Beitrag zu einer funktionierenden Gesellschaft. Ein Beitrag, der über das familiäre Maß hinaus reicht – wie weit, kann ich dir aber nicht beantworten, da ich den Maßstab nicht kenne, den ich dazu heranziehen müsste.


#5 – Würde ein Ehrenamt in Frage kommen?

Ich war vor einigen Jahren längere Zeit ehrenamtlich in einem lokalen Tierschutzverein aktiv. Meine Antwort lautet daher grundsätzlich: Ja. Doch wie es immer so ist, führt die Bereitschaft nicht automatisch dazu, dass ich es mache. Ehrenamtliches Engagement hängt von bestimmten Voraussetzungen ab: Zum einen muss ich mich mit der Organisation identifizieren können, was gerade im Tierschutz leider nie so einfach ist, da es viele Vereine gibt, die sich gegenseitig behindern oder viel zu kurzsichtig arbeiten. Unter dem Deckmantel des Tierschutzes verstecken sich zudem leider einige schwarze Schafe, die dafür sorgen, dass ich mich von gewissen Organisationen fernhalte und allgemein misstrauischer geworden bin. Was für Vereine in der humanitären Hilfe ebenfalls gilt. (An dieser Stelle fällt mir ein, dass dazu seit einiger Zeit ein Beitrag in den Entwürfen schlummert, den ich vielleicht mal fertigstellen sollte.)

Dies schränkt den Kreis der infrage kommenden Organisationen ein und erschwert die Erfüllung der weiteren Voraussetzungen. Der zeitliche Aufwand muss mit meinem Berufs- und Privatleben vereinbar sein und es muss sich um eine Tätigkeit handeln, die zu meinen Fähigkeiten passt. Ich bin kein guter Verkäufer und daher nicht geeignet, aktiv Pelzträger aufzuklären oder Infomaterial unter die Leute zu bringen. Es hat einen Grund, weshalb ich beruflich eher im Hintergrund tätig bin.


#6 – Wie sieht deine Vorstellung vom perfekter Leben aus?

Natürlich gibt es immer wieder Situationen, in denen ich mir Perfektion wünsche, gerade wenn die Melancholie Überhand nimmt und ich beginne, alles infrage zu stellen. Die Perfektion erscheint dann als die ultimative Lösung. Doch wäre sie es wirklich? Würden wir das perfekte Leben wirklich leben wollen? Kann ich wunschlos glücklich sein, wenn oft gerade das Verwirklichen eines Wunsches die Erfüllung bringt? Ist es nicht gerade die Suche, die uns antreibt und allem einen Sinn verleiht? Das Streben nach mehr, nach neuem, nach besserem, nach Veränderung? Was gäbe es noch zu erreichen, hätten wir bereits alles, was erreichbar ist? Perfektion bedeutet Stillstand. Stillstand führt zu Unzufriedenheit. Unzufriedenheit lässt die Vorstellung des perfekten Lebens wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Für mich ist ein perfektes Leben daher eines, das eben nicht perfekt ist, weil es mir nur dann die Möglichkeit bietet, mich zu verändern, zu entwickeln und neues zu erleben. Leben steht für Entwicklung und die hat in der Perfektion keinen Platz. So verlockend sie manchmal klingt. Erreichen will ich sie nicht.


#7 – Traumurlaub! Wohin und mit wem?

Ich träume von vielen Reisen. Vom kalten, dunklen Alaska im Winter. Von einer Wanderung durch den Sarek Nationalpark. Von einer Reise quer durch Südamerika. Von Japan, Neuseeland, Sibirien und Afrika. Von gigantischen Metropolen und absoluter Einsamkeit. Unmöglich, mich für einen einzigen Traumurlaub zu entscheiden. Zumal Träume immer die Gefahr bergen, zu enttäuschen, wenn man versucht, sie in die Wirklichkeit zu übertragen, weil man dazu neigt, die Erwartungen viel zu hoch anzusetzen oder einfach etwas völlig falsches zu erwarten, anstatt die wahren Erlebnisse auf sich wirken zu lassen. Ob ein Urlaub ein Traumurlaub war, zeigt sich bei mir erst hinterher, wenn ich davon träume, genau diesen Urlaub ein weiteres Mal zu erleben.

Momentan ziehe ich es vor, alleine zu reisen, weil ich nur auf diese Art die Freiheit spüre, einfach mal ich selbst sein zu können und zu tun, was immer mir gerade in den Sinn kommt, ohne Rücksicht auf die Wünsche meiner Reisebegleitung nehmen zu müssen (oder zu denken, es zu müssen).


#8 – Politik! Gehst Du wählen?

Selbstverständlich. Ich stecke gerne 5€ ins Phrasenschwein, aber es ist nun mal so: Ich kann nur Einfluss nehmen, wenn ich wähle. Vor allem aber lassen sich negative oder gar gefährliche Entwicklungen nur verhindern, wenn ich wählen gehe. Angenommen, es gäbe eine zwielichtige Alternativpartei, die auf regen Zuspruch stößt, obwohl sie die Demokratie und unser Wertesystem massiv gefährdet. Es wäre davon auszugehen, dass die Befürworter einer solchen Partei definitiv wählen gehen. Will ich nun verhindern, dass der Einfluss dieser Partei zu groß wird, muss ich schon allein aus diesem Grund wählen, weil jede gültige Stimme, die nicht dieser Partei gilt, ihren prozentualen Anteil reduziert.

Seitdem ich wahlberechtigt bin, habe ich mich an jeder Wahl beteiligt. Die Begründung, nicht zu wählen, weil sich ja sowieso nichts verändern ließe, kann ich nicht mehr hören. So dachten bei der letzten Bundestagswahl mehr als ein Viertel (!) aller Wahlberechtigten. Man muss kein großer Mathematiker sein, um ausrechnen zu können, was sie hätten bewirken können, hätten sie gewählt.


#9 – Du hast die Möglichkeit ein Amt in der Politik zu bekleiden. Welches wäre das?

Eigentlich müsste ich ablehnen und darauf verweisen, dass nur jemand ein so bedeutendes Amt bekleiden sollte, der über das in dieser Position benötigte Fachwissen und die persönlichen Fähigkeiten verfügt, die die Politik so erfordert. Aber es handelt sich hier um ein Gedankenspiel und somit kann ich jetzt davon ausgehen, dass ich über die Voraussetzungen verfüge. Dann würde ich das Amt des Umweltministers übernehmen, den Weg fortsetzen, den Frau Hendricks eingeschlagen hat und mich bei der Agrarlobby noch unbeliebter machen. Ich meine: „Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein“ – das hätte auch von mir kommen können und hat, wie die Reaktionen zeigen, genau den richtigen Punkt getroffen.

Abseits des schwarzen Humors gibt es natürlich enorm viele Dinge, die ich als Umweltminister in Angriff nehmen könnte. Ich würde mich also nicht nur innerhalb der Agrarlobby unbeliebt machen, sondern mich zum Beispiel dafür einsetzen, dass eine „Smartphone-Steuer“ eingeführt wird. Inzwischen werden diese Teile gerne in zwölfmonatigen Abständen ausgetauscht – Hauptsache immer das aktuellste Modell in der Tasche; wohin die alten wandern, inklusive der enthaltenen Akkus, fragt sich kaum jemand – daran muss sich etwas ändern. Und das funktioniert am ehesten, wenn nach den Geldbeuteln der Menschen gegriffen (und sich unbeliebt gemacht) wird. Dafür ließen sich nachhaltige Entwicklungen subventionieren, wie bspw. das „Fairphone“. Ach, mir würden so viele Dinge einfallen, um einen Beitrag dafür zu leisten, dass unser Planet noch eine Weile bewohnbar bleibt…


#10 – Wunsch frei? Erster Wunsch der Dir einfällt

Ich wäre gern… Bundesumweltminister 🙂


Das war’s. Damit bin ich gerade rechtzeitig fertig geworden, denn ich kaue bereits auf der letzten Kaffeebohne herum, die ich in meiner Wohnung finden konnte. Abschließend sollte ich den Award eigentlich weiterreichen, zehn eigene Fragen stellen und die Regeln auflisten. Als bekennender Regelbrecher schließe ich mich jetzt aber einem neuen Trend an und verzichte darauf. Bevor ich Fragen stellen und aus vielen hervorragenden Blogs ein paar wenige herauspicken kann, brauche ich wieder frischen Kaffee. Und der ist mir ausgegangen.

Stattdessen bedanke ich mich hiermit nochmals bei Impressions of Life für die Nominierung!

Gestohlene Fragen [1] – sich selbst belohnen?

Als ich einst durch das Fernstudien-Infomaterial blätterte, stieß ich auf den Tipp, dass man sich kleine Ziele setzen und für das Erreichen dieser selbst belohnen solle. So könnte man sich selbst ins Kino oder zum Essen einladen, nachdem man eine Einsendeaufgabe erfolgreich bearbeitet hat oder sich nach einer absolvierten Lerneinheit eine Tafel seiner Lieblingsschokolade gönnen. Kürzlich sprang mir die Frage, wie man sich selbst belohne, ins Auge, als ich einen Liebster-Beitrag las. Ich erinnerte mich an meine Reaktion auf den Studien-Ratgeber. „Wie soll das funktionieren?“, fragte ich mich in meinen Gedanken. Ob die Menschen, denen es gelingt, noch keine Bekanntschaft mit dem inneren Dämon gemacht haben, der sich so gerne ungefragt in Entscheidungsprozesse einbringt?

Damals wollte ich es ausprobieren. Eines Abends saß ich am Schreibtisch, hatte einen zweistündigen Block des Lernens und die darauf folgende Belohnung vor mir, als sich diese hinterhältige Stimme in mir zu Wort meldete:

Dämon: „Was hast du denn mit der Schokolade vor?“
Ich: „Ich belohne mich damit fürs konsequente Lernen!“
Dämon: „Die magst du doch gar nicht.“
Ich: „Dann eben mit einer Tüte Habanero-Chips.“
Dämon: „Du wolltest dich gesund ernähren.“
Ich: „Dann eben mit einem frischen Obstsalat.“
Dämon: „Gesunde Ernährung solltest du aber nicht von deinen Lernerfolgen abhängig machen.“
Ich: „Super, hast du eine bessere Idee?“
Dämon: „Die neueste Folge House of Cards ist online.“
Ich: „Darauf habe ich nach zweistündigem Lernen keine Lust mehr.“
Dämon: „Wer sagt hier was von Lernen?“

Überredet. Neue Folgen von House of Cards wurden ja nur freitags veröffentlicht. Da konnte ich ruhigen Gewissens mal eine Lerneinheit ausfallen und das Durcharbeiten der Studienhefte einen Tag lang warten lassen. Anstatt mich selbst fürs Lernen zu belohnen, belohnte mich der innere Dämon fürs Nichtlernen. Er beschränkte es nicht nur auf den Freitag, sondern nutzte jede Gelegenheit, um mich an ein neues Album, einen neuen Film, eine Sporteinheit, ein ungelesenes Buch oder ein fälliges Bier mit Freunden zu erinnern.

Meine Versuche, mich gegen ihn zu stellen und seinen versprochenen Belohnungen zu widerstehen, scheiterten. Vielleicht, weil er recht hatte. Recht damit, dass die negativen Auswirkungen des Fernstudium zu groß waren. Dass ich zu viele Opfer hätte bringen müssen, um den übermotivierten Plan eines Berufseinsteigers zu vollenden, der mich zu allem Überfluss auch noch in einem Berufszweig festgenagelt hätte, der mir gar nicht mehr gefiel. Der innere Dämon belohnte das Nichtlernen also nicht nur mit geschaffenem Freiraum für interessantere Beschäftigungen, sondern zusätzlich mit dem Vermeiden von Negativem. Er war klar im Vorteil und ich konnte keine Belohnungen erfinden, die seine übertroffen hätten. Schließlich hätte nicht einmal am Ende des Weges eine Belohnung gewartet. Der Dämon griff nach den leisesten Zweifeln und stellte sie ins Rampenlicht.

Vielleicht hätte es geholfen, mich selbst für das Nichtlernen zu bestrafen, damit das Lernen schließlich durch Nichtbestrafung belohnt wird. Doch welchen Sinn hätte es gehabt, etwas nur zu tun, um einer Strafe zu entgehen? Zumal ich in diesem Fall auf eine Weise gehandelt hätte, die ich grundsätzlich ablehne. Als Hundehalter gehöre ich nämlich zu den Vertretern der positiven Verstärkung. Wenn ihr denkt, moderne Eltern würden ihre Kinder übermäßig antiautoritär erziehen, dann habt ihr noch keine modernen Hundehalter erlebt. Aber keine Sorge, ich gehöre nicht zum extremistischen Teil der positiv verstärkenden Hundehalter. Sollte mein Hund einer/m Paketzusteller’in in den Arm beißen, würde ich ihn umgehend auf das unerwünschte Verhalten aufmerksam machen, anstatt darauf zu warten, dass er den Arm wieder loslässt, um ihn dann dafür zu belohnen, dass er den Biss freiwillig gelöst hat. Allerdings lehne ich es strikt ab, Lebewesen so zu erziehen/behandeln, dass sie erwünschtes Verhalten nur zeigen, weil sie damit einen aversiven Reiz vermeiden, anstatt es zu tun, weil sie es mit etwas Positivem verbinden.

Ich schweife ab. Es ging um die Frage, wie ich mich selbst belohne. Anhand des Fernstudiums lässt sie sich nicht eindeutig beantworten, denn dieses war eine Fehlentscheidung, die auch mit den besten Belohnungen weder sinnvoll noch richtig geworden wäre.

Vielleicht hilft ein anderes Beispiel: Sport. Eine Betätigung, die automatisch für eine Belohnung sorgt und das sogar auf mehrfache Weise. Zum einen wäre das körperliche Wohlbefinden zu nennen, das sich während der sportlichen Aktivität ausbreitet. Zum anderen stellen auch die langfristigen Effekte eine Belohnung dar: Verbesserte Gesundheit, gesteigerte Ausdauer, erhöhte Leistungsfähigkeit. Ich muss mich also gar nicht zusätzlich selbst belohnen, weil das Ergebnis meines sportlichen Einsatzes dies bereits übernimmt. Entscheide ich mich trotzdem für eine zusätzliche Selbstbelohnung, so könnte mich doch nichts mehr daran hindern, alles zu tun, um diese Doppelbelohnung zu erhalten. Wäre da nicht wieder dieser innere Schweinedämon, der den Sport regelmäßig für nicht notwendig erachtet und den Verzicht auf eine Bewegungseinheit mit anderen, nicht ablehnbaren Belohnungen honoriert und sich zusätzlich damit rühmt, mir damit bei der Vermeidung der mit dem Sport verbundenen negativen Auswirkungen behilflich zu sein. Klingt logisch, denn verzichte ich auf die 70km Radtour, habe ich weder einen Muskelkater, noch schmerzende Handgelenke zu befürchten. Und die freigeschaufelte Zeit lässt sich viel besser mit dem aufwändigen Zähmen eines High-Level Therizinosaurus‘ im Survival-Spiel „Ark“ nutzen.

Der innere Dämon ist also wieder im Vorteil, denn manchmal ist das Vermeiden einer negativen Auswirkung lohnenswerter, als der Erhalt einer Belohnung – und wenn es diese trotzdem oben drauf gibt, hat der Dämon nichts mehr zu verlieren. Dies macht er sich natürlich wieder zunutze und zeigt sich darüber hinaus erneut als schlechter Diskussionspartner:

Dämon: „Wieso willst du dich heute schon wieder so quälen?“
Ich: „Erstens: Es ist keine Qual, ich mache es gerne. Zweitens: Laut Trainingsplan steht heute die nächste Einheit an.“
Dämon: „Trainingsplan. Was hast du denn vor? Willst du an der Tour de France teilnehmen?“
Ich: „Ähm, nein. Ich…“
Dämon: „An einem Marathon. Am Iron Man?“
Ich:  „Äh… also…“
Dämon: „Ganz genau. Also erzähl‘ mir nichts von einem Trainingsplan. Setz‘ dir ein klares Ziel, dann unterhalten wir uns weiter. ‚Etwas fitter werden. Bla bla.‘ Das ist doch kein Ziel!

Ein klares Ziel – damit liegt er vielleicht gar nicht so falsch. Vielleicht funktioniert die Idee der Selbstbelohnungen bei mir nicht, wenn ich sie ohne klares Ziel vor Augen anwenden will. Ohne ein Ziel, das ich unbedingt erreichen will. Ein Ziel, dessen Erreichen selbst eine so große Belohnung darstellt, dass mein innerer Dämon gar keine Chance mehr hat, mich davon abzubringen. Ein Ziel, das alle anderen Faktoren überwiegt und keiner zusätzlichen, selbst gewährten Aufmerksamkeiten bedarf, um erreicht werden zu wollen. Vielleicht fehlt mir manchmal die Konsequenz, vielleicht fehlt mir manchmal die Objektivität – vielleicht bin ich aber auch nur jemand, der nicht zu 100% hinter der Sache steht, wenn er bereits während der ersten Schritte darüber nachdenkt, sich für jeden Schritt zu belohnen, um die Motivation aufrechtzuerhalten. Denn wenn ich wirklich fest entschlossen bin, ziehe ich es durch, ohne dem Dämon die Chance zu geben, sich mir in den Weg zu stellen. Dann bin ich stärker als er.

Musikweltreise – Erster Halt: Finnland

Nach dem Rückblick, ist bekanntlich vor dem Rückblick. Auf den Jahresrückblick müsste daher eigentlich wieder ein Monatsrückblick folgen. Eigentlich. Das Jahr 2017 scheint nämlich ein gewisses Verlangen nach Neuem und Veränderung mitgebracht zu haben. So beschäftige ich mich, im Rahmen des Buch-Dates, erstmals in meiner fast zweijährigen Blog-Historie mit Büchern. Und als ich begann, mich wieder verstärkt mit Büchern zu befassen, stieß ich dank wortgeflumselkritzelkram auf die Buchweltreise. Eine sehr schöne Idee, um den Lesehorizont auf kreative Weise zu erweitern. Ich wollte schon beinahe meine Teilnahme verkünden, als mich meine innere Stimme ausbremste und zu Besonnenheit mahnte. Ein Schritt nach dem anderen. Inspirierend wirkte die Buchweltreise trotzdem, denn was mit Büchern möglich ist, sollte auch mit Musik funktionieren. Nicht sollte – es funktioniert definitiv auch mit Musik, schließlich mache ich seit einigen Jahren nichts anderes, als auf diese Weise um die Welt zu reisen und meinen Hörhorizont zu erweitern.

Ich nutze daher den Schwung der Veränderungen des neuen Jahres und ersetze den musikalischen Monatsrückblick durch eine Musikweltreise. Nach Möglichkeit werde ich in jeder zweiten Woche ein Land besuchen und euch einen oder mehrere Künstler aus diesem präsentieren, die im Idealfall außerhalb dieses Landes kaum bekannt sind. Es geht ja schließlich um die Horizonterweiterung.

Auf geht’s. Den Auftakt der langen Reise darf Finnland markieren. In Finnland begann nämlich auch die Reihe der Monatsrückblicke. Außerdem bietet Finnland nicht nur eine riesige Auswahl an Metal-Bands, sondern auch viele Exporte, die über die Landesgrenzen hinweg einem breiten Publikum bekannt geworden sind, sodass es sich um den idealen Startpunkt für eine kleine Weltreise handelt. Ob Dark-Rock von HIM, Symphonic-Metal von Nightwish, Elvis parodierender Rock’n’Roll der Leningrad Cowboys, Radio-Rock von Sunrise Avenue oder gar der Elektro-Hip-Hop der Bomfunk MC’s. Jedem dürfte schon mal ein Werk eines finnischen Künstlers begegnet sein. Spätestens als Lordi mit Hard Rock Hallelujah den Eurovison Song Contest gewannen. Finnland hat aber noch viel mehr zu bieten – insbesondere Künstler, die Texte in ihrer Muttersprache verfassen. Und finnisch gehört für mich zu den schönsten Sprachen, die es gibt – weshalb nicht mal ein Ohr riskieren und hören, was es abseits der international erfolgreichen Künstler, die auf englische Texte setzen, zu entdecken gibt.


Haloo Helsinki!

Zum Beispiel Haloo Helsinki!, der ersten Band, die ich im Rahmen der Monatsrückblicke präsentierte. Im März des vergangenen Jahres landeten sie auf Platz 1 meiner persönlichen Charts und im weiteren Verlauf sollte sich herausstellen, dass sich diese Neuentdeckung einen festen Platz in meiner Sammlung gesichert hat. Man könnte vielleicht sogar sagen, sie haben sich mit ihrem melodiösen Pop-Rock und dem eindrucksvollen Gesang in mein Herz gespielt. Im März veröffentlichen sie ihr neues Album, darauf bin ich schon sehr gespannt. Die Single „Rakas“ gefällt mir bereits sehr gut, ist mir für diesen Beitrag aber etwas zu düster. Das hätte im November besser gepasst, daher gibt es jetzt etwas älteres zu hören:


Indica

Indica habe ich die Entdeckung von Haloo Helsiniki! zu verdanken, denn vor etwa einem Jahr war Spotify der Ansicht, dass beide Bands vergleichbar seien und präsentierte mir ihr aktuellstes Live- Album in der Empfehlungsliste. Indica wiederum entdeckte ich, weil sie beim „Metal-Label“ Nuclear Blast unter Vertrag standen oder stehen. Irgendwie kurios, denn der Stil, den die Band selbst als Mystik-Romantik-Pop bezeichnet, passt eigentlich gar nicht zu dem Label. Das erste, das ich von ihnen hörte, waren die englischen Versionen ihrer Lieder. Musikalisch durchaus angenehm, aber der Gesang wirkte etwas merkwürdig, beinahe unpassend. Schnell fand ich heraus, woran es lag: Die Texte waren ursprünglich auf finnisch verfasst. Also hörte ich mir die Originalversionen an – und infizierte mich mit dem Virus der finnischsprachigen Musik.


Viikate

Nun zu einer Band, die für die musikalische Horizonterweiterung steht, die eine Musikweltreise mit sich bringt. Denn Viikate waren mir unbekannt, bis ich während meiner Arbeit an diesem Beitrag auf ihre Musik stieß, als ich nach finnischer Rockmusik mit Folk-Einflüssen suchte. Um genau zu sein, begegnete mir das Lied „Mantelinmakuinen„, welches mich bereits nach den ersten Gitarrenklängen auf seiner Seite hatte und mit dem Einsetzen des Gesangs komplett überzeugte. Finnischer Gesang klingt mit männlichen Stimmen nämlich ebenfalls sehr gut. Wikipedia behauptet, ihre Texte seien überwiegend melancholischer Natur. Ihre Videos deuten darauf hin, dass sie diese Melancholie mit einer ordentlichen Portion Humor garnieren. Wenn sie dann eines meiner Lieblingslieder von Motörhead covern, sie dabei sogar das Original-Video parodieren – und das auch noch auf finnisch! – muss ich sie einfach in meine Sammlung aufnehmen und an dieser Stelle erwähnen:


Damit endet mein Aufenthalt in Finnland, der mir zum Schluss einen Neuzugang in meiner virtuellen Musiksammlung bescherte (und ein paar weitere, nicht erwähnte, interessante Künstler, die ich mir näher ansehenhören werde). Das hat sich doch gelohnt.

Bald geht es weiter, mit der zweiten Station meiner Musikweltreise – und der Entdeckung neuer Künstler.

Sprechende Spiegel und sprachlose Spiegelbilder

Spieglein, Spieglein an der Wand
Mit einem Haken, statt der rechten Hand
Sprichst du fünfmal seinen Namen
Kennt er für dich kein Erbamen

„Wie du sagtest, Gedichte sind nicht dein Ding“, unterbrach eine mir unbekannte Stimme meine Erinnerung an einen mittelmäßigen Horrorfilm und hinterließ zugleich eine ausgeprägtere Piloarrektion, als es einst dem Film gelang. Und das obwohl ich damals, mit etwa 12 Jahren, nicht unbedingt zum geeigneten Publikum für einen Horrorstreifen gehörte. Dass mich meine Kindheitserinnerungen, beim morgendlichen Anblick eines Spiegleins, nicht auf direktem Wege hinter die sieben Berge führen, sondern den Umweg über Candyman’s Fluch nehmen, spiegelt den Inhalt der Wochenenden, die ich zwischen Kindheit und Jugend mit meinem Vater verbrachte, ganz gut wider. Seine Filmauswahl härtete zumindest ab. In diesem Moment jedoch, ließ die mysteriöse Stimme die Erinnerungen an den fiktiven Inhalt eines Filmes mit der Realität verschwimmen. Nicht nur, weil ich allein zuhause war und mich der unerwartete Klang einer Stimme erschreckte  – ich sprach die Worte nicht mal aus, sondern legte mir das Gedicht nur in meinen Gedanken zurecht.

„Wieso legt ihr Menschen so viel Wert auf das, was ausgesprochen wird? Ist es die Illusion von Wahrheit? Nur zu glauben, was man mit eigenen Ohren hört, obwohl das Nichtgesagte meist viel bedeutender ist?“, meldete sich die Stimme fragend zurück. Vorsichtig drehte ich mich um, doch anstatt ein blutrünstiges Monster zu erblicken, das mein Leben beenden wollte, sah ich nur die geschlossene Tür des Badezimmers. Ich war allein. Niemand da, der sich heimlich an mich heran schlich oder gar aus dem Nichts erschien. So sollte es also sein. Die sporadischen Selbstgespräche schienen sich in eine beängstigende Richtung zu entwickeln, denn als so real empfand ich die Antworten meines imaginären Gesprächspartners zuvor nie.

„Ihr seid wirklich seltsam. Obwohl ihr die Wahrheit kennt, belügt ihr euch selbst und gebt vor, nach ihr zu suchen. Du kannst dich ruhig wieder umdrehen und mich anschauen. Aber bezeichne mich bitte nicht wieder als imaginär“, sagte die Stimme hinter mir. Hinter mir? Aber dort war nichts, abgesehen vom Waschtisch und dem darüber hängenden, antik anmutenden Spiegelschrank, den mir mein Vormieter ungefragt hinterließ und der mir täglich eine Reflexion präsentierte, in der ich mich selbst zu erkennen versuchte. Spielte mir jemand einen Streich? War ein Lautsprecher im Schrank versteckt? Das ergab keinen Sinn. Selbst der kreativste Spaßvogel wäre kaum in der Lage gewesen, mit meinen Gedanken zu kommunizieren.

„Spieglein, Spieglein“, flüsterte die Stimme, als mein Gesicht nur wenige Zentimeter vom Spiegel entfernt war, der sich tatsächlich als ihre Quelle herausstellte. „Du hast mich gerufen, also wie kann ich dir behilflich sein?“, fragte er und erklärte: „Deine Gedanken nehme ich wahr, aber dazu musst du sie schon selbst aus den Tiefen deines Bewusstseins hervorholen.“

Das war unmöglich. Ein sprechender Spiegel, der meine Gedanken liest und mir helfen will? Rächte sich, nach 15 Jahren, die FSK-Ignoranz meines Vaters? Waren zu viele Hanfnüsse im Müsli oder brauchte ich einfach noch einen Kaffee? Der Spiegel meldete sich wieder zu Wort: „Nun schau‘ endlich her und sag‘ mir, was du siehst!“ Ehe ich antworten und tatsächlich etwas zu einem Spiegel sagen konnte, griff er meine Gedanken und zerrte sie aus meinem Kopf heraus: „Nein, du siehst nicht dich. Du siehst nur das Spiegelbild der Figur, als die du dich ausgibst, um deine Rolle zu spielen, korrekt? Es ist an der Zeit, zu erkennen, wer du wirklich bist und was du wirklich willst. Ansonsten bleibt von deiner Vorstellung vom Glück nur ein Scherbenhaufen zurück!“ – wie vom Spiegel, der in diesem Moment zerbrach.


Ein Beitrag im Rahmen Tante Tex‘ Story Samstags.